Aus der Singularität, einem Zustand, in dem die physikalischen und damit elementaren Gesetze ihre Gültigkeit verlieren, entsteht die Idee. So wie das Universum zum Zeitpunkt des Urknalls aus auf kleinstem Raum verdichteter Materie bestand, so besteht die Idee, aus der ein Gedanke entspringt, aus extrem verdichteter geistiger Substanz – ein Gedankenblitz, der explosionsartig ins Bewusstsein drängt.
Die Frage, ob dieser Zustand von Chaos geprägt ist oder ob bereits symmetrische Formen, einem Gerüst, um das sich die Welten entwickeln, nicht unähnlich, vorherrschen, wird sich womöglich niemals klar beantworten lassen. Möglicherweise lässt sich die Heisenbergsche Unschärferelation auch auf geistige Inhalte projizieren. Das Auge des Betrachters – das Bewusstsein – wird zu diesem wie auch zu jedem anderen späteren Zeitpunkt nie mit endgültiger Gewissheit die Stellung der einzelnen Elemente dieser Welt, ihre Relation zueinander und ihre Entwicklung erkennen und definieren können, zumal der Betrachter – das Bewusstsein – allein mit seiner Existenz direkten Einfluss auf die einzelnen Objekte und Bewegungsabläufe nimmt. Eine neue Welt ist im Entstehen begriffen.
Gedanken ziehen andere Gedanken an, bilden bald schon Gedankenkonstrukte, die zunehmend an Komplexität gewinnen und weitere Ideen, Vorstellungen, Bilder und Assoziationen an sich binden. Wie die Spiralarme einer Galaxis kreisen sie um das Zentrum der ursprünglichen Idee.
In dieser anfänglichen extrem heißen Phase der Expansion, in der die Gedanken in komprimierter Form noch nahe beieinander liegen, herrscht eine hohe Fluktuation an Ideen. Gedanken, die sich so schnell bewegen, dass sie das Bewusstsein nur streifen und deswegen nicht zu fixieren, zu fassen sind. Sie bleiben als eine Art Hintergrundstrahlung bestehen. Es bedarf sehr empfindlicher Detektoren, um ihr Echo zu erkennen. Es sind Staubgebilde vergessener Welten.
Es beginnt eine Phase der Abkühlung, in der sich die Strukturen der neuen Welt bilden und ordnen und die Sphäre des Bewusstseins verlassen. Es entstehen Buchstaben, die erste Worte bilden, aus denen bald schon Sätze werden. Sie manifestieren sich als Text auf einem Medium, das elektronischer oder anderer Art (papierner zum Beispiel) sein kann.
Einem Beobachter von außerhalb – dem Schöpfer selbst oder einem Rezipienten – erschließt sich das Gesamtwerk erst über den Weg, den die einzelnen Teile bilden, die Buchstaben, die Worte, die Sätze. Voraussetzung dafür sind die Kenntnisse der elementaren Gesetzmäßigkeiten der Natur, in diesem Fall die Fähigkeit des Lesens und des Verstehens. (Wobei keineswegs gesagt ist, dass das eine das andere bedingt.) Die einzelnen Teile des Textes, in linearer Form verfolgt, formen sich im Bewusstsein des Aufnehmenden zu komplexen Welten, die dem Ursprung – der Alphawelt – ähnlich, aber nie gleich sind, denn auf die Worte und Bestandteile dieser Welt wirken stets die Erfahrungen, Ansichten und Vorstellungen des Betrachters – Lesers – ein und formen vieles neu. Die Frage, ob es sich bei den vielen unterschiedlichen Welten, die in den Augen der vielen Betrachter entstehen, um Paralleluniversen, um ein multidimensionales Universum oder um ein einziges Universum, das nur aus vielen verschiedenen Blickwinkeln gesehen wird, handelt, ist philosophischer Natur und soll hier nicht weiter verfolgt werden.
Die Expansion, geboren im Urknall des Gedankenblitzes, schreitet fort, das Universum nimmt Ausmaße an, die nicht mehr zu fassen sind.
Irgendwann wird dieses Universum wieder kollabieren, das eine schneller, das andere langsamer. Das geschieht, wenn der Text, der vielleicht in Form eines Buches vorliegt, im Altpapier endet. Irgendwann wird die Erinnerung an die geschaffenen Welten aus dem öffentlichen Bewusstsein schwinden – und in einer Singularität enden. Aus der vielleicht irgendwann etwas Neues entsteht, ein neuer Zyklus der Weltenschöpfung beginnt.
Viele der aus Gedankenblitzen geborenen Welten aber leben weiter, auch wenn sie, wie wir oben gesehen haben, sich als Abbild im Augen des Betrachters von der ursprünglichen Idee unterscheiden, manche nur marginal, manche deutlicher. Sie werden existieren und sich im Bewusstsein fortentwickeln und dabei selbst Einfluss auf das Bewusstsein nehmen, so lange es Menschen gibt.